re:publica 2016: digitale Transformation und soziale Verantwortung im Netz
Rubrik _Inspiration und Wissenswertes

re:publica 2016: digitale Transformation und soziale Verantwortung im Netz

In der ersten Maiwoche feierte die re:publica mit rund 8.000 Besucherinnen und Besuchern in der Station Berlin ihr 10. digitales Klassentreffen. Was einst mit einem Blogger-Treffen begann hat sich längst zum international anerkannten Digitalfestival entwickelt. Mittlerweile zählt es zu den größten Internet-Events Europas. Die Netzgemeinde ist erwachsen geworden, die Themen vielfältiger und das Programm so umfangreich wie auch unübersichtlich. Die re:publica 2016 in Zahlen: 3 Tage, 17 Bühnen, über 700 Speaker.

Von Snapchat bis künstliche Intelligenz, von Cargo-Kulten bis Netzpubertät, von Flüchtlingskrise bis Snowden … die Themenvielfalt der re:publica war beachtlich. So viel gleich mal vorweg: Unternehmensmarken, deren Zielgruppe sich nicht auf Snapchat tummelt, brauchen das Gespenst auch nicht zu fürchten. Snapchat begeistert vorwiegend Kinder und Jugendliche, Erwachsene können den Hype noch nicht wirklich verstehen. Erst in ein paar Jahren werden auch die Großen auf Snapchat landen, eine neue App wird auf den Markt kommen und die Teenager werden wieder weiter ziehen, wie wir es schon von Facebook her kennen.

Virtual Reality ist nicht nur mehr für die Spieleindustrie ein spannendes Feld. Auch Unternehmen entdecken das große Potential. Ob für die Autoindustrie, die Tourismusbranche, für den Journalismus oder auch in Therapieeinsätzen – Virtual Reality eröffnet immer mehr Erlebniswelten. Dieses Jahr werden wohl einige von diesen teuren Virtual-Reality-Brillen unterm Weihnachtsbaum liegen. Wer’s billiger haben will, entscheidet sich für Google Cardboard und lädt einfach die passende App aufs Smartphone. VR, wir sind angekommen.

Transformation, Leadership und Cargo-Kulte

Die digitale Transformation bringt Veränderung ins Unternehmen und erfordert die Vereinfachung von Prozessen und Strukturen. Ohne dem gehts nicht, sagte Ulrich Irnich (Director Simplification & Transformation bei Telefonica Deutschland). Digitales Wissen ist da – für alle – und es wird immer mehr. Für Führungskräfte liegt die besondere Herausforderung im Umgang mit dem verlorengegangenen Vorsprung. Vereinfachung ist nicht einfach. Die Führungskräfte müssen lernen, mit der Simplicity umzugehen, sich darauf einzulassen und Brücken für die Menschen zu bauen. „Vereinfachung ist der Klebestoff der Digitalisierung … Die Welt verändert sich massiv und wir arbeiten immer noch wie vor 3 bis 4 Jahren.” Unternehmen sollen lernen, schneller zu scheitern, um schneller daraus zu lernen und sich schneller zu verbessern.

„Was eine Firma am Schlechtesten kann, schreibt sie auf die Kaffeetassen.” Diese These stammt von Gunter Dueck (Buchautor von „Schwarmdumm: So blöd sind wir nur gemeinsam”). „Aber muss schon kurz sein. So wie ‚Team‘ oder ‚Innovate‘ …” fügte er schelmisch hinzu. Seinen höchst amüsanten und messerscharfen Beitrag auf der re:publica gibts nachfolgend in voller Länge zu sehen. „Es kommt darauf an, wollen zu wollen und nicht müssen zu müssen.” Genauso ist es.

 

 

Ein starkes Plädoyer für die Menschlichkeit: Carolin Emcke und das „Raster des Hasses”

Einer der wohl wichtigsten Beiträge und auch mein Highlight auf der re:publica. Die Publizistin skelettiert das Raster des Hasses bis ins kleinste Detail. „Der Hass ist kollektiv. Und er ist ideologisch geformt. Der Hass braucht vorgeprägte Muster, in denen er sich ausschüttet. Der Hass bricht nicht plötzlich auf. Er wird gezüchtet.” Sie redet nicht nur von Angreifern, Mitläufern oder jenen, die nicht helfen. „Den Hass schüren die, die sich von ihm Gewinn versprechen.” – sie redet von Talkshows und Einschaltquoten, von Partei- und Grundsatzprogrammen. „Sie alle mögen sich distanzieren, aber sie wissen den Hass für sich ökonomisch zu nutzen. … Sie hassen nicht selbst. Sie lassen hassen.”

Carolin Emcke betrachtet den Hass aus vielen Perspektiven. Und Sie beschreibt, wie er sich brechen lässt. Dem Hass kann man entgegnen, indem man das macht, was den Hassenden fehlt: die Fähigkeit zu beobachten, zu differenzieren und selbst zu zweifeln.

Leider gibt es von diesem großartigen Vortrag keine Aufzeichnung. Dafür erscheint dann im Herbst ein wichtiges Buch „Gegen den Hass”.

 

gil_com emcke republica 2016

 

Auch von Ingrid Brodnig (Profil Redakteurin) gibt es ein neues Buch: „Hass im Netz”. Die Anhänger von Verschwörungstheorien bleiben großteils unter sich, meinte sie in ihrem Vortrag auf der re:publica. Viele Nutzer bewegen sich abseits von Medien die aufklären können und so verbreiten sich Falschmeldungen leicht und verstärkt in den Echokammern im Netz. Die Menschen sehen/hören/lesen nur das, was sie wollen. Falschmeldungen verfestigen sich durch Wiederholungen in Wort und Bild. Darum ist es so wichtig, Richtigstellungen affirmativ zu formulieren – nicht die falschen Bilder oder falschen Worte zu wiederholen. Das Wichtigste ist, die Fähigkeit zu erhalten, mit Andersdenkenden diskutieren zu können. Ihr guter Tipp: „Humor ist die beste Waffe gegen Hasskommentare”.

Welche Rolle Echokammern und Algorithmen spielen, wie man mit Hasskommentaren und Falschmeldungen umgeht – darüber erzählt sie ausführlicher hier im Interview der Zeit Online.

 

Willkommen im neuen Zeitalter – im „Augmented Age”

Wir verlassen nun das Zeitalter der Information und treten ein in das Zeitalter der Fantasie. Jeff Kowalski (CTO von Autodesk) zeichnete ein überaus positives Bild der Zukunft. Es geht nicht darum, dass „wir wollen, dass die Menschen unser Design unbedingt brauchen”, sondern darum, dass „wir designen, was die Menschen wirklich wollen”. Wo immer die digitale und die physische Welt aufeinandertreffen, hat es tiefgreifenden Einfluss auf unser Leben. „Computer werden uns helfen, besser zu gestalten”, meinte Jeff Kowalski. Der Mensch wird zum ‚Mentor‘ der Werkzeuge. Generative Gestaltung wird in Zukunft die Dinge anhand eines Algorithmus berechnen und bessere Designs abliefern. „Vielleicht hat das nächste Smartphone keine bessere Kamera, sondern es ist kompostierbar.” Seinen inspirierenden Vortrag in ganzer Länge gibt es hier zu sehen:

 

 

„Computer reflektieren nicht, sie reagieren.
Computer denken nicht, sie rechnen.
Computer verstehen nicht, sie repetieren.”
Mads Pankow

„Sinnhafte Arbeit werden uns die Maschinen nicht wegnehmen können, weil Sinn verstehen sie nicht”, brachte es Mads Pankow (Herausgeber, DIE EPILOG) auf den Punkt. „Computer können super rechnen. Wir können gut denken. Helfen wir einander.”

Warum? Sehen Sie selbst …

 

 

Fazit

Die digitale Welt verändert unser Leben immer wieder aufs Neue, aber macht uns nicht zu besseren Menschen. Medien, Technologie, Ingenieure, Designer, Nutzer … es liegt in der Verantwortung von uns allen, in welche Richtung wir gemeinsam gehen. Jeder Einzelne von uns entscheidet, welche Werte er vorlebt, vermittelt und verteidigt.

„Ich kümmere mich nicht um die Privatsphäre, weil ich habe nichts zu verbergen.” ist wie „Ich kümmere mich nicht um die Redefreiheit, weil ich habe nichts zu sagen.” – Edward Snowden

 

Alle aufgezeichneten Talks der re:publica 2016 gibt es hier zu sehen.

 

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